London Corner: Der Euro, das Pfund und
Mannesmorange Berichte, Meinungen und 
Kommentare aus Europas Finanzmetropole Nr. 1
von Ralf Ackermann, GoingPublic London

Dauerthema Euro – Ist die Schwächephase bald vergessen?
Der Euro ist ein Dauerthema auf der Insel und in der Regel ein negativ 
besetztes. Kein anderes Land ist so skeptisch bezüglich der
Einheitswährung wie die Briten – zumindest kein europäisches. In den
letzten Wochen hat sich die Stimmung weiter verschlechtert. Die
Übernahmeschlacht um Mannesmann und die damit verbundene
Äußerung Gerhard Schröders, er lehne feindliche Übernahmen ab, die
„glorreiche“ Rettung Holzmanns oder der Parteispendenskandal der CDU
– all dies schien die Ineffizienz der deutschen Wirtschaftspraxis zu
zementieren und auch auf Europa negativ abzustrahlen. Tony Blair
versuchte bisher bestenfalls halbherzig, seine Landsleute vom Euro zu
überzeugen, und fürchtet scheinbar selbst Image-Verluste. Die derzeitige
Euro-Schwäche kommt in dieser Situation äußerst ungelegen. Wie lange wird sie noch andauern, und wo steuert die Einheitswährung hin?

Darüber habe ich mich mit einem „Amerikaner in London“ unterhalten.
Andrew S. Nissenbaum (25) wurde vom Wallstreet Journal bereits 1995
als „whiz-kid“ des Geldhandels gefeiert. Geldhändler bei UBS,
Makroanalyst bei Soros Fund Management, eigener Hedge-Fond
(„Macrofund“) – nur einige Stationen seiner steilen Karriere. Nebenbei
arbeitet er derzeit an einem Projekt mit der Bank of England. Halten Sie
sich fest, denn Andrew packt mehr Prognosen in einen Satz, als andere
Leute in ein ganzes Interview – und was für welche.

„Zum Jahresende rechne ich mit einem Euro/US-$ von 1,40.“
Interview mit Andrew S. Nissenbaum, President von Hypothesis Capital
Management

GoingPublic: Was denken Sie über die derzeitige Schwäche des Euro?
Wo wird er in einem Monat, wo in einem Jahr stehen?
Nissenbaum: Die derzeitige Euro-Schwäche ist das Resultat einer
Vielzahl sog. „knock-out“-Optionen, die zu Preisen von 1,00 Euro/US-$
und 100 Euro/JPY im Markt waren. Nachdem diese Positionen jetzt
glattgestellt sind, ist der Weg nach oben wieder frei. In einem Monat
(Mitte Februar) sehe ich den Euro bereits bei 1,12 und zum Jahresende
rechne ich mit 1,40. Ich muß dazusagen, daß ich gleichzeitig von einem
Crash des US-Aktienmarkts ausgehe. Die Nasdaq wird in diesem Jahr 
50% einbüßen.

GoingPublic: Wenn Sie so bullish für den Euro sind, wie schätzen Sie
dann das britische Pfund und den Schweizer Franken ein?
Nissenbaum: Der Schweizer Franken wird einer der Hauptprofiteure des
nächsten Jahres sein, nicht aber das britische Pfund. Das Pfund hat in
letzter Zeit wegen der hohen Zinsen haussiert. In dem Moment, wo Sie
eine Währung kaufen, leihen Sie sich Geld in einem Land und verleihen
es an ein anderes, das müssen Sie stets im Hinterkopf behalten. In der
Regel wird ein Investor also vom Kauf der Hochzinswährungen profitieren.
Wenn die globalen Finanzmärkte allerdings in einer Rezession sind, wie
ich sie vorhersage, dann dreht sich dieser Zusammenhang um und
Währungen aus Ländern mit niedrigen Zinsen outperformen diejenigen
aus Hochzinsländern. 

GoingPublic: Sollten die Briten Ihrer Meinung nach also der
Währungsunion beitreten?
Nissenbaum: Ich denke persönlich nicht, daß Großbritannien unbedingt
der Währungsunion beitreten muß. Der Finanzplatz London hat nichts
von seiner Bedeutung eingebüßt. Der Beitritt würde einige Probleme für
Großbritannien bedeuten. Unterschiedliche Wirtschaftszyklen und
Differenzen in der Mentalität wären hier etwa zu nennen. Niedrigere
Zinsen in Großbritannien wären ein absolutes Muß. Ich glaube, daß
Großbritannien bisher von der Schwäche des Eurolands profitiert hat.
Trotzdem ist die europäische Zentralbank meiner Meinung nach eine
wesentlich mächtigere und glaubwürdigere Institution als das Monetary
Policy Council der Bank of England.
 
Handy-Manie – Mannesmann/Orange überholt Vodafone
In Großbritannien klingelte es unter dem Christbaum, und geklingelt
haben auch die Kassen der Mobilfunkanbieter. Mobiltelefone waren das
beliebteste Weihnachtsgeschenk auf der Insel. Alleine im vierten Quartal
wurden 4,4 Millionen Handies verkauft. 41 % der Briten besitzen
mittlerweile eines. Ende 1998 waren es gerade einmal 22 %. Was
Neuzulassungen angeht, machte ausgerechnet Orange das Rennen und
schlug Marktführer Vodafone Airtouch um Längen. In den letzten drei
Monaten 1999 wuchs der Kundenstamm von Orange um satte 1,41 Mio.
auf 4,9 Mio., wohingegen Vodafone „nur“ etwas mehr als eine Million
neuer Kunden hinzugewinnen konnte. 

Rund 40 % besser als das beste Konkurrenzunternehmen hat sich
Orange also im vierten Quartal 1999 präsentiert. Insbesondere der
Dezember verlief absolut phantastisch. Sage und schreibe 900.000
Neukunden – so viel wie die Telekom Tochter One-2-One im gesamten
Quartal gewann – brachte der Rekordmonat. Konnte Orange die
Analystenschätzungen um 14 % schlagen, blieb Vodafone fast 20%
dahinter zurück. Ironie des Schicksals, denn Orange, der drittgrößte
britische Mobilfunkanbieter, wurde gerade erst von Mannesmann
übernommen. Letztgenannte wiederum wehren sich verzweifelt gegen die
feindliche Übernahme durch Vodafone.

Orange wird Vodafone seine Position als Marktführer so schnell nicht
streitig machen, das steht außer Frage. Vodafone hat derzeit 8 Mio.
britische Kunden – ganz zu schweigen von den 35,5 Mio. Kunden
weltweit. Trotzdem waren diese Zahlen eine Pleite für den weltgrößten
Mobilfunkkonzern. Eine geplante Übernahme von Mannesmann durch
Vodafone würde schließlich aus wettbewerbsrechtlichen Gründen auch
den Verkauf von Orange implizieren. Es ist nun deutlich schwieriger
geworden, die Mannesmann-Aktionäre von dem Sinn dieses
Unterfangens zu überzeugen. Die Düsseldorfer zeigen sich optimistisch.
Sie haben  jüngst den fairen Wert ihres eigenen Unternehmens mit 350
Euro pro Anteilschein angegeben – über 40 % mehr, als Vodafone
angeboten hat. Ob die hervorragende Performance von Orange nun  eine
solch hohe Bewertung rechtfertigt, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Diese Entscheidung möchte ich lieber den Aktionären überlassen.